Ein Wort an die Kirchenmusiker/innen

„Zukunftsmusik“
Welche Musik hat in der Kirche Zukunft?

Sobald nur einem Genre aus der breiten stilistischen Palette der Kirchenmusik eine Zukunft zugesprochen wird, wird alles andere zum Auslaufmodell erklärt. Welches Genre kann das sein, wenn doch Kirchenmusik zu allen Zeiten den Anspruch der Verkündigung hatte? Welcher Epoche wollte ich den in diesem Geiste geschöpften Werken ihre Geisteskraft aberkennen? Die totale Verfügbarkeit aller vorangegangener Kirchenmusik ist eine Gunst gerade unserer Zeit, eine Chance, durch Musik im Glauben zu wachsen. Wir sind meist nachschöpfend Musizierende, schöpfen aber aus dem Vollen. Wir lassen uns von Musik begeistern und geben die Begeisterung weiter. Wo Abschottung geschieht, spricht das von der gewaltigen Herausforderung dieser Fülle und von der Notwendigkeit individueller Spezialisierung.

Dabei ist es ein Fortschritt der letzten 20 Jahre, dass die Popularmusik in der Kirche angekommen und angenommen ist. Sie ist Teil der Kirchenmusik, mit allen überkommenen Ansprüchen, Zielen und Aufgaben. Popularmusik in der nebenberuflichen Kirchenmusikausbildung wie auch im Studium der Evangelischen Kirchenmusik – Pop regulär zu studieren und damit die Anstellungsfähigkeit auf hauptamtlichen Stellen zu erlangen, das ist keine Zukunftsmusik mehr.

Dennoch zeigt sich im Gemeindealltag, dass das Hören von Worship-Liedern einige zum inneren Rückzug provoziert. Das Erleben eines Worship-Gottesdienstes kann Identitätskrisen auslösen: „Hier gehöre ich nicht hin und nicht dazu. Schwingende Hände oder gestreckte Arme zum Empfang göttlichen Geistes mag ich nicht, kann ich nicht, will ich nicht.“ Umgekehrt werden manch landeskirchliche Gottesdienste oder klassische Kirchenkonzerte ebenso befremden.

Ich frage mich: Was ist es, das diesen Widerstand, diese emotionale persönliche Reaktion auslöst und uns Christen einem Ghetto der Frömmigkeitspraxis zuführt? Diejenigen, die sich beim Beschäftigen mit Gesungenem, Gelesenem, Gehörtem komplexen theologischen und existentiellen Fragestellungen hingeben wollen, lehnen eine zu emotionale oder gar vereinfachte Rezeptionsebene ab. Dennoch ist der Anspruch, den Glauben zu feiern, allen gegeben wie die Sehnsucht nach Nähe zu Gott.

Ich frage mich: Bin ich ein überheblicher Intellektueller, der alles besser weiß? Bin ich ein Gläubiger, der anderen die Fähigkeit, den gleichen Gott zu erleben bzw. erlebt zu haben, abspricht? Hier beginne ich zu zweifeln. In der Wahrnehmung der kirchenmusikalischen Szenen gehen Individuen da in einer größeren Gemeinschaft von Christen auf, wo sie sich Vorbildern, Freunden und geistgelenkten Menschen anvertrauen können, zusammen mit ihnen die Nähe zu Gott suchen und erspüren. Gott nahe zu sein ist unser aller Glück. Hieraus erwächst mir das Bedürfnis, Gott dankbar zu loben, mit Psalmen, Hymnen und Lobgesängen. Das wiederum stärkt die Gemeinschaft und meinen persönlichen Glauben, der mich wiederum befähigt, anderen ein geistlicher Begleiter zu sein.

In dem Wissen um verschiedene Zugänge zu demselben Heiland übe ich mich in stiller Dankbarkeit für alle und alles, darin, das Glück der Befreiung von inneren Zwängen zu erspüren. Seither freue ich mich mit den Tanzenden, auch wenn ich selbst kein großer Tänzer bin.

Matthias Hanke
Matthias Hanke
ist Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Landeskirche Württemberg.
Er hat mehrere landeskirchliche Liederbücher kommissioniert und ist seit Jugend an immer wieder mit Lobpreisliedern in Berührung gekommen.