Ein Wort an die Musiker/Innen

Beim Singen und Spielen des Segments aus geistlich orientierter Popmusik, das wir als „Worship“ oder „Anbetung“ bezeichnen, begegnen uns aktiven Musikern gleich mehrere Widersprüchlichkeiten, die auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu identifizieren sind.

Eigentlich sollte Anbetungsmusik extrem einfach zu machen sein. Was viele Musiker an ihr stört, ist ja, dass sie so simpel, stereotyp, mitsingbar und vorhersehbar ist, dass ihre Ausübung keine wirkliche Herausforderung an unsere musikalischen Fähigkeiten zu stellen scheint und wenig Abwechslung bietet. Klar: sie soll durch Nicht-Musiker leicht mitsingbar und für Amateure leicht spielbar sein. Sie soll nicht durch Komplexität von der Haltung der Anbetung ablenken. Sie wird in der Regel gleich mit Hörbeispiel und Do-it-yourself-Kit angeliefert, um genregerecht leicht einstudierbar zu sein.

Gleichzeitig leiden wir unter der oft lieblosen, auf das Nötigste reduzierte, vielerorts fast industriell-effizienten Art, wie der Worshipbetrieb in Gottesdiensten durchgezogen wird, weil eben kaum musikalisch hohe Qualität oder Kreativität Platz findet und Nachwuchsmusiker oft keine Zeit oder Gelegenheit bekommen, im Tun ihre Fähigkeiten zu entwickeln.

Ein großes Problem besteht mitunter in dem Missverständnis, Popmusik – und dazu gehört auch der sog. Lobpreis –sei in der Ausführung simpel und wenig zeitaufwändig. Ein Vergleich: Wenn ein Team aus Profimusikern einen bestehenden Song für ein Live-Event oder eine CD-Aufnahme arrangiert, einstudiert und einspielt oder aufführt, gehen dafür gerne mal zwei Stunden ins Land, bevor alles optimal ist. Das Worshipteam aus Amateuren hat dagegen oft nur zwei Stunden in der Woche, um das ganze Repertoire für den nächsten Gottesdienst einzuüben. Im entsprechenden Raum einen guten Sound und inspirierende Monitorverhältnisse einzustellen, ist auch für den Profi nicht wenig Aufwand, im Gemeindehaus oder der Kirche soll das i.d.R. jemand hinzaubern, der sich allenfalls mit elektrischem Strom und Displays auskennt…

Die wenigsten dieser Themen werden sich strukturell einfach lösen lassen, aber ich finde es wichtig, sie zu verstehen, um konstruktiv damit umzugehen, das Optimale zu ermöglichen und dabei Freude statt Frustration zu entwickeln.

Mir und den meisten Mitmusikern, mit denen ich über diese Themen spreche, helfen folgende Gedanken und Paradigmen:

  • Anbetung ist Anbetung. Egal, welchen Stellenwert man diesem Thema theologisch oder persönlich beimisst, das erste, worum es hier geht, ist das gemeinsame Erlebnis eines uralten und biblisch begründeten Bestandteils christlich-jüdischer Glaubenskultur, zumal es Anbetung eigentlich in allen Religionen gibt. Menschen fokussieren sich auf diesen Teil der Kommunikation mit Gott über das Mittel der Musik, und wenn man als beteiligter Musiker in erster Linie das erlebt, ist es ein gutes, transformierendes und wunderbares Geschehen. Es muss sich dann nicht an Musikstil, Qualität oder Ressourcenlage binden.
  • Das Bessere ist der Feind des Guten. Gott und der Mitmensch haben in diesem Zusammenhang das Beste verdient. Will heißen: das Beste, was wir unter den gegebenen Voraussetzungen – eigenen Fähigkeiten, Equipment, Mitmusiker – gerade geben können.

Damit das immer „besser“ wird, braucht es meines Erachtens häufig einen Bestandteil außerhalb der reinen Probe/Gottesdienst-Situation. Und leider oft nicht gerade wenig.

Wer unter seinen musikalischen Grenzen leidet, ist herzlich eingeladen, diese sukzessive zu erweitern, was ja auch außerhalb der Bühne ein großartiger Zugewinn ist. Wer Anbetungsmusik macht, darf sich erlauben, das musikalische Vorankommen weiter in den Fokus zu rücken, als nur das reine Hobby, oder die ehrenamtliche Mühe, die man für den Gemeindekontext zu leisten bereit ist. Es gibt Workshop- und Unterrichtsangebote in Hülle und Fülle, sowie alles Wissen und Musizieren im Internet und anderen Ressourcen.

Wer nicht gerade alles locker und perfekt vom Blatt liest (oder besser vom iPad?), muss vor einer Probe die Songs kennen, bzw. können. Einen Song so zu singen, dass er wie ein eigener klingt, kann schon mal bedeuten, dass man ihn 5-10 durchgesungen haben sollte. Ihn als Instrumentalist so zu kennen, dass man sich in der Probe eher auf Zusammenspiel, Feeling und Dynamik konzentrieren kann, als auf „Durchkommen“, bedeutet auch für den Profi mehr, als mal schnell das Akkordsheet durchzulesen.

Und hier beginnen eigentlich erst die Möglichkeiten, dem routinierten Mindestmusizieren durch externe Vorbereitungen oder Gelegenheiten mehr Freude einzuhauchen. Teams, die öfter zusammenspielen, können mal eine extra Probe investieren, und sei es nur, um falsche Routinen auszuräumen. Es kann mal ein Coach dazu geholt werden. Man kann wiederkehrende Themen mit den Soundleuten ausloten oder mal eine Stunde oder zwei gemeinsames Singen mit der Gemeinde veranstalten, damit auch von deren Seite der entsprechende Anteil am Gesamterleben kommen kann. Werden die immer gleichen Arrangements langweilig, können einzelne Leute aus dem Team die Aufgabe übernehmen, die Songs neu aufzubereiten und einzustudieren – das kostet weniger Zeit, als „volldemokratisch“ in einer Probe etwas Neues zu erarbeiten und gibt gleichzeitig Mitmusikern, die sonst nur brav ihre Parts spielen dürfen, kreativen Raum. Zudem entlastet es den einen „Chef“, der üblicherweise immer alles allein machen muss. Vielleicht wollen ja auch die Sänger mal etwas Anderes probieren, als immer nur entweder solistisch oder im 3-stimmigen Satz zu singen?

  • In einer Welt, in der das gemeinsame Musikmachen ständig bedroht ist durch die fehlende Probezeit sowie die technische Versuchung, alles mit immer weniger Mitmusikern möglich zu machen (Playbacks, Samples, DJs), ist der gemeinschaftliche Aspekt das Schönste und Wertvollste an der Anbetungsmusik. Wenn es gelingt, singt die Gemeinde gerne und gut und hörbar die Songs mit und erlebt mit den leitenden Musikern etwas gemeinsam. Im Team erlebt man das Zusammenspiel auf allen Ebenen: verschiedene „Funktionen“ und Musikalitäten ergeben ein wunderbares Ganzes, Dynamik und Rhythmus können als gemeinsame Welle erlebt werden, Stille, Steigerung oder pure Energie lassen sich sowohl erzeugen als auch erleben, Bälle können einander zugespielt werden und die Kraft des Teams wird fühlbar, wenn man auch mal gerade nicht spielt oder singt und die Musik trotzdem fließt.
  • Diese Felder sind es auch, in denen sich – wo immer möglich oder gewünscht – eine hohe Qualität und Exzellenz des Musizierens erreichen lassen. Und zwar nicht trotz, sondern gerade wegen der Einfachheit der Songs. Mein Wunsch wäre, dass gerade unter dieser Voraussetzung immer öfters ein großartiger Sound, ein flexibles Musizierenund allem voran eine mitreißende Motivation zum Mitsingen möglich werden. In Bands und Teams aller Art, von den Laien bis zu den Profis. Auf dem Weg sind wir bereits!
Florian Sitzmann
Florian Sitzmann
ist freischaffender Live- und Studiomusiker, Produzent, Professor an der Popakademie Baden-Württemberg und u.a. Keyboarder der „Söhne Mannheims“.