Ein Wort an die Songwriter

Die Lieder, die wir in unseren Gemeinden und Gottesdiensten singen, sind ja nicht vom Himmel gefallen. Sie wurden zu einem bestimmten Zeitpunkt von jemandem geschrieben. Text und Melodie entstehen in einem kreativen Prozess, den man auch „Songwriting“ nennt. Und da die wenigsten von uns „einfach mal so“ Lieder schreiben können, sind wir in gewisser Weise darauf angewiesen, dass Songwriter gute, taugliche Lieder mit Tiefgang schreiben.

An dieser Stelle deshalb ein kurzes Wort an die Songwriter. Mit Schilderung von zwei Begebenheiten, die mir zu denken gegeben haben:

Frühjahr 2013. Nach einigen Monaten konzentrierter Arbeit in verschiedenen Arbeitsgruppen ging es daran, für DAS LIEDERBUCH die ausgewählten Lieder in einzelne Rubriken aufzuteilen. Bei diesem Entwicklungsschritt des Liederbuchs wurde deutlich, welche Themen „gut besetzt“ waren. Diese Kapitel haben sich wie von selbst gefüllt (z.B. „Lob und Dank“, „Anbetung“). Im Gegenzug stellten wir geradezu erschrocken und ein wenig bestürzt fest, wie „unterbelichtet“ manche anderen Themen waren. Unter der Rubrik „HOFFEN – Mit Händen und Füßen“ z.B. wollten wir Lieder bringen, in denen Glaube ganz konkret wird. „Nach dem Hören kommt das Handeln“ quasi. Aber wir mussten uns eingestehen, dass wir dazu kaum Lieder hatten. Daraufhin haben wir – mit diesem speziellen Fokus – noch einmal intensiv weitergesucht. Trotzdem konnten wir damals grade mal zwei Lieder nachnominieren:

„Diese Stadt“

„Die Schwachen zu stärken, mit Armen zu teilen
und Boten des Friedens zu sein.
Verlorene suchen, die Wunden zu heilen,
und aufstehn für Wahrheit und Recht.
Die Tränen zu trocknen und Freiheit verkünden
für die, die im Dunkeln sind.“

(Text und Musik: Mark Tedder; Deutscher Text: Guido Baltes; DL 199)

„God Of Justice“

„We must go,
live to feed the hungry,
stand beside the broken.
We must go!
Stepping forward,
keep us from just singing,
move us into action.
We must go!”

(Text und Melodie: Tim Hughes; DL 200)

Unsere Wahrnehmung damals: Im Verhältnis zu den vielen Liedern, die von unserer persönlichen Gottesbeziehung singen (überspitzt: „Ich und mein Jesus“), gibt es eindeutig zu wenig Lieder, die davon singen, wie unser Glaube konkret wird und handelnd anpackt. Lieder über unsere soziale Verantwortung und unsere Zuwendung zum „Du“. Klar, nun sind einige Jahre vergangen – sicher gibt es inzwischen etliche gute Lieder dazu… Hoffentlich!

Sommer 2016. Nachdem ich als Papa von zwei kleinen Kindern einige Jahre nicht ganz so nah „dranbleiben“ konnte an der Szene, wollte ich mich „auf den aktuellen Stand“ bringen. Ich informierte mich, welche christlichen Bands/Künstler/Gruppen angesagt sind, besorgte mir die entsprechenden CDs und ging dann gespannt daran, diese nacheinander durchzuhören. Mit meiner gewissen „Außenwahrnehmung“ war es eindrücklich für mich, welche Musik mich tief berührte – und welche eben nicht. Das konnte ich relativ eindeutig feststellen. Auf der einen Seite war ich echt enttäuscht, wie viele neu erscheinenden Lieder die immer gleichen und allzu vertrauten sprachlichen Bilder und Formulierungen verwenden. Zu viele Texte kamen mir diesbezüglich geradezu beliebig austauschbar vor und wirkten auf mich zu sehr wie fromme Phrasen. In den Liedern, die mich zutiefst angesprochen haben, war dagegen von Fragen, Zweifeln, Enttäuschung und Zerbruch die Rede. Das „Ringen“ um Gottes Nähe und das ehrliche Suchen nach seiner Realität im Leben wirkte auf mich da wesentlich authentischer, sympathischer und ansprechender.

Klar kann ich mich fragen, ob ich vielleicht ein etwas zu nachdenklicher Vogel bin. Aber ich wünsche uns als singender Gemeinde, dass wir die Möglichkeit bekommen, viel mehr gute Lieder mit diesen „Ecken und Kanten des Lebens“ zu singen statt – auf mich teilweise inflationär wirkende – „Halleluja-Gott ist groß“-Texte. Wenn wir an jene Menschen in unseren Gemeinden denken, die aus unterschiedlichsten Gründen schwer zu tragen haben, können solche sensibleren Lieder wesentlich integrativer wirken.

Hans-Joachim Eißler
Hans-Joachim Eißler
EJW-Landesreferent (musikplus),
Kirchenmusiker und Chorleiter in Dettingen/Erms,
freiberuflich aktiv als Arrangeur und Komponist.
Viele Jahre war er Keyboarder der Band „Ararat“.