Eine kurze Zeitreise durch die Geschichte der Lobpreismusik  

Lobpreismusik ist keine moderne Erfindung. Zwar verbinden wir heute mit dem Wort „Lobpreis“ häufig eine ganz bestimmte Art von Liedern und einen ganz speziellen, oft recht einheitlich klingenden musikalischen Sound. In Wirklichkeit aber gab es Lobpreismusik schon immer, in allen Kulturen, Religionen und Zeiten. Schon an dem Tag, als Gott den Grund der Welt legte, lange bevor es Menschen gab, sangen die Sterne Loblieder für Gott (Hiob 38,7). Gott hat Lobpreis in seine Schöpfung und in die Geschichte der Welt hineingewoben. Deshalb lohnt sich eine kurze Zeitreise durch die Geschichte der Lobpreismusik. 

  1. Die Anfänge der Lobpreismusik im Alten Testament

Die Anfänge unseres christlichen Gottesdienstes liegen im Alten Testament. Die ersten Christen waren tief verwurzelt in ihrem jüdischen Glauben, und um „Lobpreis zu machen“, gingen sie in den Tempel von Jerusalem (Lukas 24,52-53; Apg 2,46). Hier war zur Zeit des Alten Testaments der zentrale Ort der Anbetung: 4000 Musiker taten ihren Dienst im Tempel, 288 davon waren Sänger, „allesamt Meister“ (1. Chr. 23,5; 25,7). König David, der selbst „des Saitenspiels kundig“ war, hatte spezielle Anbetungsleiter aus dem Stamm der Leviten ausgewählt, um die Gemeinde im Lobpreis anzuleiten (1. Sam 16,17; 1. Chronik 16,4-6). So wurde der gemeinsame Lobpreis im Tempel eine Erfahrung, die nicht nur musikalisch hochwertig war, sondern auch Einheit zwischen ganz verschiedenen Menschen stiftete und zu einer Begegnung mit der machtvollen Gegenwart Gottes führte. Die eindrückliche Beschreibung eines solchen Lobpreismomentes im Tempel findet man in 2. Chronik 5,11-14.  

Die 150 Psalmen, die im Alten Testament zusammengestellt sind, aber auch viele andere Lieder, die sich verstreut durch die ganze Bibel finden, geben uns einen Eindruck davon, wie vielfältig in der Zeit der Bibel gesungen und gebetet wurde. Das Wort „Lobpreis“ ist eigentlich viel zu klein, um diese Vielfalt zusammenfassen: Natürlich, viele Lieder und Psalmen haben den Zweck, Gott zu ehren, zu loben und zu preisen. Aber dann gibt es da noch so viel mehr: Zum Beispiel Lieder der Dankbarkeit für das, was Gott tut und was wir mit ihm erleben. Lieder des Vertrauens auf Gott in Zeiten der Angst und des Leidens. Lieder der Liebe und Hingabe an Gott. Lieder der Klage über persönliches Leid oder den scheinbaren Sieg des Bösen in der Welt. Lieder der Ehrfurcht und des Staunens. Es lohnt sich, einmal die eigenen „Lieblingslieder“ daraufhin zu überprüfen, wie viel von dieser biblischen Vielfalt sie widerspiegeln und wo vielleicht die eigenen „blinden Flecken“ im Lobpreis sind. 

  1. Lobpreis und Anbetung im Neuen Testament

Die ersten Christen haben an diese Wurzeln jüdischer Lobpreiskultur angeknüpft. Auch für sie waren die Psalmen das Liederbuch, das sie prägte und der Tempel der erste Ort, an den sie gingen, um Gott zu loben. Aber da, wo der Jerusalemer Tempel weit entfernt war, wurde das eigene Haus zum Tempel. So schreibt Paulus der Gemeinde in Korinth: Ihr seid ein Tempel des Heiligen Geistes, und wenn ihr Gottesdienst feiert, dann ist Gott selbst mitten unter euch, so wie im Tempel von Jerusalem (2. Kor 6,16; 1. Kor 14,25). Jesus selbst hatte davon geredet, dass unsere Anbetung eines Tages von äußeren Orten unabhängig ist: „Wer Gott anbeten will, der muss ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh 4,23-24). Nicht auf die äußere Verpackung kommt es an, auch nicht auf die musikalische, sondern auf das Herz und auf die innere Haltung.  

Für die Gottesdienste der ersten Christen war es außerdem prägend, dass Wort- und Musikbeiträge von allen Teilnehmern beigesteuert werden konnten. Dabei ließ man sich vom Heiligen Geist leiten, was manchmal zwar zu etwas Unordnung, dafür aber auch zu lebensverändernden Gottesbegegnungen führte (1. Kor 14,23-26). Besondere Gaben des Geistes, wie etwa prophetische Rede oder das Sprachengebet, flossen in den Gottesdienst mit ein, um ihn zu bereichern.  

Die ältesten christlichen Lobpreislieder finden wir übrigens im Buch der Offenbarung: Hier gibt es prophetische Einblicke in die zukünftige himmlische Welt, wo eine versammelte Menschheit aus allen Nationen und Sprachen vor dem Thron Gottes steht und das Lamm anbetet, das geopfert wurde (Offb. 5,1-14; 15,3-4; 19,1-7). Diese neutestamentlichen Bilder sind heute eine beliebte Angriffsfläche für Spott und Hohn über die christliche Lobpreisliederkultur, die vermeintlich nur von Thronen und Lämmer handelte, mit denen heute niemand mehr etwas anfangen könne. Bei genauem Hinsehen entpuppt sich dieser Spott aber auch als ein billiges Klischee: Erstens gibt es unter den aktuellen Top 100 Liedern in Wirklichkeit nur sehr wenige, in denen tatsächlich ein Lamm oder ein Thron vorkommt. Zweitens jedoch ist es weder verwunderlich noch falsch, dass wir als Christen in unseren Liedern auf Bilder aus dem Neuen Testament zurückgreifen. Diese waren schon für die ersten Christen nämlich nicht alltäglich, sondern alltagsfremd und deshalb symbolgeladen. Und im heutigen Zeitalter von „Game of Thrones“ haben weder Throne noch blutige Opfer ihre Symbolkraft verloren. Keine Angst also vor symbolischer Sprache. Sie hat, gerade weil sie fremd ist, die Kraft, unsere Alltagsgrenzen zu sprengen und Vorstellungswelten zu erweitern. 

  1. Lobpreismusik im Wandel der Zeit 

In den Jahrhunderten zwischen der biblischen Zeit und unserer heutigen Zeit hat sich die Form des Gottesdienstes immer wieder gewandelt. Eins aber ist gleichgeblieben: Lobpreismusik spielte immer eine entscheidende Rolle. Die Gottesdienste der alten Kirche etwa waren größtenteils von Gesängen geprägt, Wortbeiträge oder Predigten waren eher die Ausnahme. Es gab keinen „Lobpreisblock“ im Gottesdienst, sondern der Gottesdienst „war“ vor allem Lobpreis. Heute kann man diese alten, gesangs– und gebetsgeprägten Gottesdienstformen noch in den orthodoxen und orientalischen Kirchen des Ostens erleben 

In der Reformationszeit rückten dann die Aspekte der Verständlichkeit und der Verkündigung deutlicher in den Vordergrund. Der Gottesdienst, der bisher vor allem Anbetungsveranstaltung war, wurde nun eher zu einer Lehrveranstaltung. Die Predigt wurde in den Mittelpunkt des Gottesdienstes gestellt. Während die Lieder des Mittelalters hauptsächlich Lob- und Gebetslieder waren, entstanden nun viele Lieder, in denen Glaubensinhalte verkündigt oder Glaube bezeugt wurde, und zwar in deutscher Sprache. Und nicht, wie bisher, auf Latein. Diese Lieder wandten sich also stärker an die Gottesdienstbesucher als an Gott. Es blieb aber ein Grundgerüst an sogenannten „liturgischen Stücken“ bestehen, die Woche für Woche in gleicher Form wiederholt wurden. Diese Stücke, die häufig noch aus der Zeit vor der Reformation stammen, sind in den meisten evangelischen Gottesdiensten bis heute erhalten geblieben. Sie sind sozusagen der „Lobpreisteil“ des evangelischen Gottesdienstes. 

Die Bewegung des Pietismus und die Entstehung der Freikirchen im 18. und 19. Jahrhundert brachte dann aber eine weitere Veränderung der Lobpreiskultur mit sich: An vielen Orten bildeten sich außerhalb des regulären Sonntagsgottesdienstes „Bibelstunden“, später dann auch eigene Vereine und schließlich freikirchliche Gemeinden. In diesen Gruppen gab es meist gar keine „Liturgie“ im klassischen Sinn mehr. Die Versammlungen waren im Prinzip Bibelauslegung mit musikalischem Rahmenprogramm. Hinzu kamen frei bewegliche Programmpunkte wie Gebete, Ansagen und vielleicht eine Gebetsgemeinschaft. Einen festen Ort für Lobpreis und Anbetung gab es in dieser Gottesdienstform nicht mehr. Es hing eher an den individuellen Liedvorschlägen des jeweiligen Gottesdienstleiters, ob der musikalische Schwerpunkt auf Anbetung, auf Verkündigung oder auf Glaubensbekenntnis lag. In vielen Freikirchen und landeskirchlichen Gemeinschaften hat sich dieser Gottesdienststil eines moderierten thematischen „Programms“ aus Predigt, Liedern, Gebeten und anderen Elementen bis heute gehalten. Manchmal wird er auch einfach durch einen „Lobpreisblock“ ergänzt – aber das Grundkonzept von Gottesdienst bleibt damit im Grund das gleiche: Der Lobpreisblock wird lediglich zu einem weiteren Programmteil, der das „Rahmenprogramm“ ergänzt.      

Die „neuere“, popmusikalisch geprägte Lobpreis- und Anbetungsmusik, wie wir sie heute kennen, hat ihre Wurzeln in verschiedenen Bewegungen und Aufbrüchen des 20. Jahrhunderts: Da ist einmal die Pfingstbewegung mit ihrer Offenheit für das spontane Wirken des Heiligen Geistes. Weil man Raum schaffen wollte für prophetisches Reden, für Sprachengebet, für überraschende Heilungen und Wunder, passten die Korsette der traditionellen Gottesdienstformen nicht mehr. Gottesdienste wurden hier nicht mehr von einem Pfarrer angeleitet oder von einem Gottesdienstleiter am Schreibtisch entworfen, sondern sie folgten spontan der Leitung des Geistes. Einfache Lieder aus wenigen Zeilen, die oft wiederholt wurden, konnten spontan angestimmt werden. „Vorprogramm“ und „Hauptprogramm“ kehrten sich jetzt wieder um: Die Predigt wurde zur Vorbereitung auf das Eigentliche: Nämlich die Begegnung mit dem Wirken Gottes in den anschließenden Gebetszeiten, in Heilungsdienst, Anbetung und prophetischem Reden, oft begleitet und untermalt von langen Phasen des spontanen Singens.  

In der „charismatischen Bewegung“, die sich ab etwa 1960 vor allem in den evangelischen und katholischen Landeskirchen ausbreitete, wurden diese Impulse aufgenommen. Es entstanden neben den normalen Sonntagsgottesdiensten an vielen Orten besondere „Lobpreisgottesdienste“, in denen viel Raum für Anbetung, Lobpreis und Gebet geschaffen wurde. Aber auch in den normalen Gottesdiensten fand moderner Lobpreis Einzug: Dafür erweiterte man die noch vorhandenen liturgischen Reststücke zu ausführlicheren Lobpreiszeiten. An die Stelle der kurzen „Halleluja“-, „Heilig“- oder „Lamm Gottes“-Gesänge traten nun einfache Chorusse mit ähnlichen Texten und Inhalten, die spontan gelernt und mitgesungen werden konnten. Daher waren Lobpreislieder in dieser Frühzeit oft textlich schlicht und musikalisch einfach gestrickt.  

Musikalische Einflüsse kamen dabei vor allem aus der Gospelmusik, und ab den 70er Jahren dann auch zunehmend aus der Rock- und Popmusik. Viele Kirchen und Freikirchen waren zunächst skeptisch, ob solche „weltliche“ Musik zum heiligen Ort des Gottesdienstes passt. Häufig sprach man auch abschätzig von „Negermusik“ oder befürchtete, dass mit den afro-amerikanischen Klängen auch eine „heidnische“ Spiritualität oder fremde Geister Einzug in die Gemeinde halten könnten. Deshalb wurde vor Rockmusik, Popmusik und auch Gospelmusik zunächst gewarnt.  

Hinzu kam in Deutschland eine breite Skepsis gegenüber der charismatischen Bewegung: Nicht nur in Freikirchen und pietistischen Gemeinschaften, sondern auch in der missionarischen Jugendarbeit von CVJM und EJW hatte man Sorge vor falschen theologischen Einflüssen, vor zu viel Emotionalität und vor Scharlatanerie. In Liederbüchern der 70er und 80er Jahre finden sich daher kaum Lieder aus dem Bereich der charismatischen Bewegung. Liedermacher wie Jürgen Werth, Manfred Siebald, Arno & Andreas und Peter Strauch schrieben und sangen vor allem verkündigende, erzählende Lieder. Auch die an vielen Stellen entstehenden Jugendchöre sangen vor allem „über Gott“, aber wenig „zu Gott“. Die frühen christlichen Bands konzentrierten sich auf missionarische Konzerte, nicht auf die Gestaltung von Gottesdiensten oder Lobpreis und Anbetung.

  1. Lobpreismusik in der evangelischen Jugendarbeit heute

Die Grenzen wurden fließender ab den 90er Jahren: Theologisch näherten sich Pfingstbewegung, charismatische Bewegung, Pietismus und Freikirchen langsam einander an. Geistliche Gräben und Missverständnisse konnten überwunden, theologische Fragen geklärt und differenziert werden. Auch internationale Missionsbewegungen wie „Jugend mit einer Mission“, „Operation Mobilisation“, „Campus für Christus“, die jetzt auch in Europa aktiv wurden, trugen dazu bei, dass ein Liedgut und ein Lobpreisstil, der international verbreitet war, jetzt auch in Deutschland Fuß fasste. In der Liederbuchreihe „Du bist Herr“ wurden diese Lieder für viele zugänglich 

Auf den „Christival“-Jugendkongressen, die immer auch Trendsetter und Gradmesser des geistlichen Lebens in Deutschland sind, fanden charismatische und nicht-charismatische Strömungen der Jugendarbeit mehr und mehr zusammen. 1996 in Dresden gab es bereits verschiedene Lobpreisgottesdienste und „Gebetskonzerte“, 2002 waren diese dann schon Normalität. Gleichzeitig startete 1995 die Liederbuchreihe „Feiert Jesus“ und die regelmäßigen CD-Produktionen unter gleichem Namen. Deutsche Lobpreislieder kamen dabei zunächst noch aus dem katholischen Umfeld (Albert Frey), aus Pfingstkirchen (Lothar Kosse, Martin Pepper) oder aus den charismatischen Flügeln der Landeskirche (Arne Kopfermann). Einen großen Einfluss hatten auch deutsche Übersetzungen von Liedern zunächst aus der amerikanischen Vineyard-Bewegung, dann zunehmend aus der Hillsong-Gemeinde und der Bethel Church. Deutsche Musikprojekte wie die Outbreakband, Könige&Priester oder SoulDevotion prägten die weitere Entwicklung in Deutschland ebenso wie neuere Gemeindegründungsbewegungen (ICF, Hillsong, Urban Life Church). 

  1. Ausblicke

Der Ausblick nach vorn gehört zwar eigentlich nicht zum geschichtlichen Rückblick. Trotzdem stellt sich die Frage, wie die Geschichte weitergeht. Ich nenne ganz knapp ein paar Bereiche, in denen ich mir in den nächsten Jahren weitere Fortschritte wünsche: 

  • Die Arbeit an immer mehr musikalischer Qualität und Originalität gehört sicher zu den Aufgaben der Zukunft. Sie sollte aber nicht den einzigen Fokus bilden. 
  • Mehr Weite, mehr Tiefe und mehr Ehrlichkeit in den Inhalten täte uns gut. Es gibt einige Lieblingsthemen, die immer wieder auftauchen, andere wichtige Themen dagegen bleiben oft noch unterbelichtet. Die glänzende Fassade ist manchmal noch wichtiger als die innere Gebrochenheit des Lebens. Entsprechende Lieder müssen geschrieben werden. Aber wichtig ist auch, dass die Bandbreite der Lieder, die es schon gibt, besser ausgenutzt wird. 
  • Wir sollten Lobpreis nicht nur auf Liedersingen reduzieren. Die oben beschriebene Entwicklung in Deutschland hat dazu geführt, dass in der evangelischen Jugendarbeit oft zwar die Lieder der charismatischen Bewegungen übernommen wurden, wichtige andere Elemente aber nicht, wie etwa die Offenheit für Geistesgaben und neue Gottesdienstformen, die Raum für Spontaneität, Beteiligung und das Wirken des Heiligen Geistes lassen. Der allgegenwärtige „Liedblock“ ist nicht das, worauf es den Müttern und Vätern der „Lobpreisbewegung“ ursprünglich einmal ankam. 
  • Im Zeitalter der Globalisierung und der Vielfalt sollte unser Lobpreis mehr Weltperspektive haben. Weiße westliche Popmusik ist zwar auf dem Weltmarkt beherrschend und kommerziell erfolgreich. In der christlichen Kirche sollte aber auch die Musik unserer Geschwister aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt viel mehr Gehör und Verbreitung finden. Ein Blick in die frühen „Du bist Herr“-Liederbücher zeigt, dass es schon einmal anders war. 

Gottes lange Geschichte mit dem Lobpreis ist noch lange nicht zu Ende. Der Blick in die Vergangenheit kann uns helfen, unsere Gegenwart kritisch zu reflektieren und kreativ umzugestalten. Und der Blick in die Zukunft kann uns herausfordern, nicht da stehen zu bleiben, wo wir jetzt angekommen sind. Sondern neue Wege und Räume zu entdecken, um diese Welt mit Lobpreis zu erfüllen und sie dadurch nachhaltig zu verändern.

Guido Baltes
evangelischer Pfarrer und Lobpreismusiker, Dozent am MBS Bibelseminar in Marburg